Mittwoch, 4. April 2012

In die Küche, Weib!

© Benjamin Thorn / aboutpixel.de
Das "Betreuungsgeld", für das sich nun auch Angela Merkel stark macht, soll Elternteile, die ihre Kinder zu Hause betreuen, eine Pauschale für Nichtbeanspruchung eines Krippenplatzesplatzes bekommen. Das ist nicht nur fürs Kind ein schlechter Deal. Die Zeiten, in der die Frau sich um die Kinder kümmerte und der Mann das Geld verdient, sind vorbei - auch wenn manche Konservative es nicht glauben wollen. Das "Betreuungsgeld" ist ein Relikt aus dieser Zeit und außerdem auch schädlich für das gesamte Sozialsystem..

Die Herdprämie kommt wieder ins Gespräch: „Betreuungsgeld“ nennt man es nun. Mit den Nazis soll das alles nichts zu tun haben. Eher mit der Marktwirtschaft. Wer den staatlichen Service einer Kinderbetreuung nicht in Anspruch nimmt und zu Hause bleibt, um die Kinder zu erziehen, soll also das Geld ausbezahlt bekommen. Logisch, denn wenn die Frau am Herd steht, statt am Fließband zu stehen, kann man das Geld gebrauchen. Doch die Zeiten haben sich geändert, Hitler hat Deutschland zerstört hinterlassen, Frauen haben Rechte und Krippenplätze werden nach dem Solidarprinzip finanziert. Das heißt: Wer sein Kind tagsüber in die Kita geben muss, kann das tun, ohne die gesamten Kosten bezahlen zu müssen – die Allgemeinheit hilft hier. Das ist die Idee hinter einer sozialen Marktwirtschaft: Anders als beim reinen Kapitalismus sorgt hier nicht jeder für sich selbst, sondern alle zahlen Steuern, um diese dann sinnvoll und zu Gunsten der sozial schwächeren einzusetzen. Wenn man nun bei Nichtinanspruchnahme solcher vom Staat bereitgestellten Leistungen Geld erstattet bekommt, ist das ein völlig falscher Ansatz.
Es ist gut, dass Kinder aus Problemfamilien, aus denen es womöglich nur mangelhafte Deutschkenntnisse mitbekommt, schon im frühen Kindesalter auf die Schule vorbereitet werden. Chancengleichheit beginnt schon hier. Hier würde man einen Anreiz geben, gerade wenn mindestens eines der Elternteile sowieso aufgrund niedriger Qualifikationen arbeitssuchend zu Hause ist, das Kind nicht in die Kita zu schicken und dieses „Betreuungsgeld“ in Anspruch zu nehmen. Die Folge wäre, dass der Bildungsstand bei Eintritt in die Schule äußerst unterschiedlich ist. Kinder, die eine gute Vorschule genossen haben, wären also schon sehr früh im Vorteil.
Die Frau hat sich mittlerweile emanzipiert, sie darf arbeiten und will das auch in vielen Fällen tun. Wie das Ehegattensplitting baut auch das „Betreuungsgeld“ auf das Bild, das der Mann das Geld verdient und seine Frau zu Hause am Herd steht. Die Zeiten haben sich aber gewandelt, gut ausgebildete und damit für die Wirtschaft wichtige Frauen wollen sich oft nicht ins klassische Rollenbild pressen lassen, wollen oft selbst Geld verdienen. Bloß was ist, wenn sich das überhaupt nicht lohnt?
Vielleicht ist das "Betreuungsgeld" aber auch nur eine Farce. Es gibt einfach nicht genug Kitaplätze in Deutschland. Wenn man es nun attraktiver macht, Kinder zu Hause zu betreuen statt staatlich versprochene Dienste in Anspruch zu nehmen, werden es auch mehr Eltern tun. Diese Strategie ist aber sehr kurzfristig gedacht, die jährlich 1,2 Milliarden Euro, die an „Betreuungsgeld“ ausgezahlt werden müssten, würden im Kinderbetreuungsetat fehlen. Ein funktionierendes Netz an Kitas in ganz Deutschland kann man so nicht auf die Wege bringen. Und die Idee des „Betreuungsgeldes“ würde grundsätzlich gegen die Prinzipien der Solidarität, der Chancengleichheit und des Feminismus verstoßen. Wenn man unbedingt Eltern, die ihre Kinder lange zu Hause behalten möchten, unterstützen will, sollte man das am ehesten noch mit Berücksichtigung von Erziehungszeiten bei der Rentenberechnung tun.